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Experimente in Projektion - Chemie en miniature

Anthocyane als pH-Indikatoren und Komplexbildner

Peter Keusch




English version




Chemikalien:
96-proz. Ethanol
1 N HCl
Aluminiumchlorid
0.5-proz. Ammoniak - Lösung


Gefahren und Sicherheitsmaßnahmen:

Ethanol ist leicht entzündlich.

Schutzbrille, Schutzhandschuhe und gute Raumdurchlüftung erforderlich.


Versuchsdurchführung:

Den Blütenblättern zweier roter Rosen wird mit 10 mL Ethanol der Farbstoff entzogen. Jeweils 1 mL des so erhaltenen Extraktes pipettiert man in vier Reagenzgläser und versetzt die Lösungen in R2, R3 und R4 mit einem Tropfen HCl. Zur Lösung in R3 werden 5 Tropfen NH3 - Lösung gegeben. In das vierte Reagenzglas stellt man eine Pipette, deren ausgezogene Spitze einige Aluminiumchlorid-Kristalle enthält.


Versuchsergebnis:

R1
Farbstoff-Extrakt
blassrot
R2
Farbstoff-Extrakt    HCl
rot
R3
Farbstoff-Extrakt    HCl    NH3 - Lösung  
blau
R4
Farbstoff-Extrakt    HCl    AlCl3
violett


Foto



Deutung des Versuchsergebnisses:

·   Die Stoffgruppe der Anthocyane lässt sich in die zuckerfreien Anthocyanidine (Aglykone) und die Anthocyane (Glykoside) unterteilen. Anthocyane sind Pflanzenfarbstoffe, lokalisiert in der Zellvakuole. Sie bedingen die roten, violetten und blauen Färbungen vieler Blüten und Früchte. Als Ringskelett enthalten sie das Flaven (2-Phenyl-chromen) und liegen entweder als 3- oder 3.5-Glykoside vor  (1).























·   Durch Säuren werden die Anthocyane in die betreffenden Zucker und die eigentlichen Farbstoffkomponenten (Anthocyanidine) gespalten. Bei der sauren Hydrolyse entstehen Flavyliumsalze (Oxoniumsalze), deren Kationen mesomeriestabilisiert sind  (2).



·   Cyanidin, Paeonidin und Pelargonidin stellen die in Rosen gefundenen Cyanidine dar  (3).


·   In Abhängigkeit vom pH-Wert erfährt das Cyanidinsystem strukturelle Veränderungen. In wässeriger Lösung liegen die Anthocyanidine im wesentlichen in Form von fünf miteinander im chemischen Gleichgewicht stehenden molekularen Strukturen vor: rotes Flavyliumkation, farblose Carbinolbase, violette chinoidale Base, blaue chinoidale Base (Anion) und gelbliches Chalkon.



Strukturen des Cyanidins in wässeriger Lösung unter variierenden pH-Bedingungen




Degradation des Cyanidins in stark alkalischem Medium


Der pH-Wert beeinflusst im wässerigen Milieu die Farbe der Anthocyane. Bei niedrigen pH-Werten dominiert das rote Flavyliumkation. Nur in einem pH-Bereich von 1-3 ist das Benzopyrilium-Kation stabil. Eine Erhöhung des pH-Wertes ist mit einer Abnahme sowohl der Farbintensität als auch der Flavyliumkation-Konzentration verbunden. Aufgrund des nukleophilen Angriffs des Wassers auf die Position 2 des Chromophors wird das konjugierte 2-Benzopyrilium-System unterbrochen und eine farblose Carbinolbase (Chromenol) gebildet. Sobald der pH-Wert höher steigt, wird das Gleichgewicht unter raschem Protonenverlust des Flavyliumkation zugunsten der chinoiden Anhydrobase bzw. deren Anions verschoben. Die Lösung erscheint violett bzw. dunkelblau  (4).  Ist ein pH-Wert von 8 überschritten, öffnet sich der zentrale Pyranring und es entsteht das gelbliche Chalkon. Werden die alkalischen Lösungen der Anthocyanidine mit Säure versetzt, verschiebt sich das Gleichgewicht wieder auf die Seite des roten Flavyliumkations. Liegen jedoch aufgrund des hohen pH-Wertes bereits Chalkonanionen vor, ist eine Regeneration der roten Farbe nicht mehr möglich. Das Chalkon lagert sich durch Keto-Enol-Tautomerie in ein a-Diketon. Die Spaltung des Chalkons führt schließlich zur Bildung einer Carbonsäure (substituierte Benzoesäure) und eines Hydroxyaldehyds (2,4,6-Trihydroxybenzaldehyd)  (5).

·   Bei Reaktion von Al 3+ mit dem Flayliumkation entsteht ein violetter Komplex.


Warum ist die Kornblume blau und die Rose rot, obschon beide Blumen das gleiche Anthocyan enthalten?"


1913 machte der Nobelpreisträger Richard Willstätter die frappierende Beobachtung, das ein und dasselbe Pigment für unterschiedliche Farben verantwortlich zeichnen kann. So enthalten die rote Rose und die blaue Kornblume das gleiche Anthocyanidin. Willstätter machte für die Vielfalt an Blütenfarben unterschiedliche pH-Werte im Zellsaft verantwortlich. In der Tat ändert das Anthocyanidin seine Farbe mit dem pH: es erscheint rot in saurer, violett in neutraler und blau in basischer wässeriger Lösung  (4) (5).  Shibata, ein japanischer Botaniker, untersuchte eine Reihe von Blumen und fand, dass der Zellsaft in den Blüten gewöhnlich schwach sauer oder neutral reagiert. Untersuchungen haben bestätigt, dass der vakuoläre pH der Rose gewöhnlich zwischen 4.5 und 5.5 variiert. Der pH-Wert in den Vakuolen der Zellen der Kornblumenblüte liegt bei 4.6. Offensichtlich kann die blaue Farbe der Kornblume nicht mit Willstätter's pH-Theorie erklärt werden.

Die Vakuole der Pflanzenzelle weist einen pH von etwa 4 bis 6 auf. Man sollte erwarten, dass in diesem pH-Bereich der überwiegende Teil des gesamten Anthocyanins als farblose Carbinol-Pseudobase vorliegt, ein kleinerer Anteil als chinoide Anhydrobase. Anthocyane weisen jedoch gewöhnlich in situ eine Rotfärbung auf. Inzwischen hat es sich erwiesen, daß sowohl die Farbvariation als auch die Stabilisierung der Anthocyanidine in wässeriger Lösung in erster Linie auf Selbstassoziation, Copigmentierung mit Polyphenolen (wie z.B Flavone, Flavonole) und 'intramolekulares sandwichartiges Stacking' zurückzuführen ist (Goto umd Kondo, 1991; Brouillard und Dangles, 1994). Für die Blaufärbung der Blüten scheint hauptsächlich die Komplexbildung mit Metallionen verantwortlich zu sein. Die blaue Farbe der Kronblätter der Wüsten-Blauglocke (Phacelia campanularia) ist sowohl durch molekulare Assoziation als auch durch das Vorliegen von dreiwertigen Metallionen (Al3+ oder Fe3+) bedingt. Nichtsdestotrotz wird nach wie vor in den Lehrbüchern der Organischen Chemie Willstätter's pH-Theorie zur Erklärung der unterschiedlichen Blütenfarben herangezogen.

Das "Geheimnis" der blauen Kornblume  (Bild 2)  ist mittlerweile gelüftet. Kosaku Takeda und Mitarbeiter beschreiben das blaue Kornblumenpigment als einen Metall-Komplex. Das sog. Protocyanin besteht aus sechs Komponenten, die jeweils aus einem Succinyl-Anthocyanin und einem Malonylflavon (Copigment) zusammengesetzt sind. Vier Metallionen - ein Eisen-, ein Magnesium- und zwei Calziumionen - sind rund um den Komplex angeordnet  (Bild 3).  Eisen- und Magnesiumionen binden an den Protocyanin-Komplex. Die beiden Calciumionen dienen der Stabilisierung des Komplexes. Takeda: "Dieser tetrametallische Komplex stellt einen bisher unentdeckten Typ eines supermolekularen Pigments dar."


Bild 2: Kornblume
(Centaurea cyanus)


Bild 3: Stereobild des Protocyanin-Komplex der Korbblume (von oben gesehen)
Flavone komplexieren Ca (schwarz), Eisen (rosa) und Magnesium (grün) komplexieren Anthocyanine (blau gezeichnet)


"Heavenly Blue"  -   ein Ausnahmefall

Als ein die pH-Theorie stützender Ausnahmefall, kann der Farbwechsel bei der Prunkwinde (Ipomoea tricolor) gelten. In der Knospe besitzen die Kronblätter eine rotviolette Farbe, in der offenen Blüte weisen sie ein "himmlisches" Blau auf  (Bild 4).  Ein und dasselbe Pigment, ein triacetyliertes Anthocyanin, zeichnet für beide Farben verantwortlich. Messungen des Vakuolensaftes mit einer pH-sensitiven Mikroelektrode haben ergeben, dass der Farbwechsel in den Kronblätter auf eine ungewöhnliche Erhöhung des vakuolären pH-Wertes von 6.6 auf 7.7 zurückzuführen ist.

Bild 4: Prunkwinde    Kelchblätter der Knospe (A) bzw. der geöffneten Blüte (B)

Die Erhöhung des pH-Wertes in den Vakuolen während des Öffnens der Blüte wird durch einen aktiven Transport von Na+ und / oder K+ aus dem Cytosol in die epidermalen Vakuolen bedingt. Dieser Transport erfolgt mittels eines Na+(K+) / H+-Austauschers. Der zielgerichtete Ionentransport hält den schwach alkalischen vakuolären pH aufrecht, der für die himmelblauen Kelchblätter verantwortlich zeichnet. Eine Überalkalisierung wird durch Enzyme verhindert. Die das Blau bedingende anionische Anhydrobase des HBA (Heavenly Blue Anthocyanin) muß stabilisiert werden.

Die Stabilisierung von Anthocyaninen wird vornehmlich durch Selbstassoziation, Copigmentierung und intramolekulares 'Stacking' bedingt. Man unterscheidet zwei Formen der Copigmentierung. Beide stabilisieren Anthocyane durch einen ähnlichen Mechanismus. Eine intermolekulare Copigmentierung liegt vor, wenn das Anthocyan Verbindungen wie Flavonoide, phenolische Säuren oder Alkaloide locker bindet. Von einer intramolekularen Copigmentierung spricht man, wenn eine aromatische Acylgruppe in einem acylierten Anthocyan mit dem Aglykon des Anthocyans in Wechselwirkung tritt. Für die 'Stapelung' zeichnen hydrophobe Wechselwirkungen und Charge-Transfer-Interaktionen, Wasserstoffbrücken und Van der Waals Kräfte mitverantwortlich. Copigmentierung erhöht die Farbintensität (hyperchromer Effekt) und verscbiebt das Absorptionsmaximum zum längerwelligen Bereich des sichtbaren Spektrums (bathochromer Effekt).


Das 'heavenly blue Anthocyanin' (HBA) ist aus Paeonidin, sechs Molekülen Glucose und drei Molekülen Kaffeesäure zusammengesrtzt. Die Kaffesäure ist jeweils mit einem Glucoserest verestert und glycosidisch an eine zweite Glucoseeinheit gebunden  (6).  Die gefaltete Struktur des HBA ergibt ein sogenanntes 'Sandwich Stacking'. Der Glycosyl-Rest ist als Abstandhalter aufzufassen, der die parallele Anordnung der aromatischen Acylgruppe (Kaffeesäurerest) und des Aglykons ermöglicht. Dabei wird der Acylrest über den ebenfalls planaren Anthocyan-Chromophor geklappt und auf diese Weise der nucleophile Angriff des Wassers und die damit verbundenene Bildung einer Carbinol-Pseudobase oder eines Chalkons verhindert. Ist der Glycosyl-Rest zweifach acyliert, so kann er das Anthocyanchromophor auf beiden Seiten schützen. HBA ist durch intramolekulares 'Stacking' der drei Caffeoyl-Reste auf dem Chromophor stabilisiert.
Polyacylierte Anthocyane wie HBA erweisen sich gegenüber pH-Änderungen als äußerst stabil. Sieben von zwölf strukturell verwandten Anthocyanen, die an der Universität Louis Pasteur (Strasbourg) untersucht wurden, besitzen chemische Strukturen, die eine Faltung der aus Acylglucosyl-Ketten bestehenden und an die Positionen 3’ und / oder 7 des Aglykons gehefteten 'Seitenarme' gestatten. Die Stapelung eines oder sogar eines zweiten aromatischen Restes dieser 'Arme' auf dem zentralen Cromophor  (Bild 5 )  verhindert sehr wirksam die Anlagerung von Wasser.

"Doch plötzlich scheint das Blau sich zu erneuern ...."

·   Anthocyane, die im B-Ring orthoständige freie Hydroxyl-Gruppen besitzen, bilden mit Al 3+ und Fe 3+-Ionen stabile tief purpurfarbene Komplexe  (7).  Obschon in Rosen Aluminium-Komplexe nicht nachweisbar sind, zeigt obiges Experiment, das auch in denBlüten der Rose vorliegende Anthocyanidine Al 3+ komplexieren.



Aluminum-Komplex des Cyanidin-3-Glucosids


Rainer Maria Rilke: Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden,die ein Blau
nicht auf sich tragen,
nur von ferne spiegeln.
Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollen sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau.
Verwaschnes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.
Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuern
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.
Das wohl bekannteste Auftreten von blauen Blüten bedingt durch einen Metall-Pigment-Copigment-Komplex liegt in der Hortensie (Hydrangea macrophylla) vor. Die Blütenfarbe variiert gewöhnlich von rot über violett bis blau. Allerdings zeichnen für alle Farben das Anthocyan Delphidin-3-Glukosid (1) und die als Copigmente fungierende Säuren 5-O-Caffeoylchinasäure, 5-O-p-Cumaroylchinasäure und 3-O-Caffeoylchinasäure sowie Al3+ verantwortlich. Der vakuoläre pH-Wert in den Zellen der blauen Kelchblätter beträgt 4.1, der pH in den roten Kelchblättern liegt bei 3.3.


           



Bild 5: Hortensia (Hydrangea macrophylla)

Die Komplexbildung findet bei der "Züchtung" von Hortensien Anwendung. Gärtnern ist wohl bekannt, daß zwei Faktoren die Farbe der Kelchblätter von Hydrangea macrophylla bedingen: Acidität des Bodens und dessen Gehalt an Aluminium. Saure Böden erhöhen die Verfügbarkeit von Al3+ in der Erde und führen zu einem Wechsel der Kelchblattfarbe von Pink zu Blau. Durch Düngung mit Aluminiumsalzen gelingt es deshalb, blaublühende Hortensien heranzuziehen. Das hierfür im Handel erhältliche Alaun führt allerdings nur in sauren Böden mit einem pH-Wert von 4 bis 4.5 zu einer Blaufärbung der Kelchblätter. Bei einem höheren pH-Wert wird das Aluminium vom Boden chemisch gebunden und steht der Pflanze nicht mehr zur Verfügung. Wenn der Vorrat an Aluminium im Boden erschöpft oder für die Pflanze nicht mehr verfügbar ist, nehmen die blauen Hortensien wieder einen rosa/lila Farbton an. Sobald der Boden mit Aluminiumsalzen gedüngt wird, reichert sich das Aluminium in den Kelchblättern an und deren Farbe schlägt nach Blau um. Nur rote und rosafarbene Hortensien sind zur Blaufärbung geeignet. Sie enthalten die Farbkomponente Delphinidin. Weißblütige Hortensien konnen nicht manipuliert werden - sie blühen immer weiß.



Hinweise:
Les anthocyanes
Synthese von C14-markierten Anthocyanidinen und Studien zur intestinalen Verfügbarkeit von Anthocyanen von Heidelbeeren
Copigmentation reactions and color stability of berry anthocyanins
Anthocyanin-aluminium and -gallium complexes in aqeous solutions
Blue flower color development by anthocyanins: from chemical structure to cell physiology
Study on synthesis of 5-O-acylquinic acid analogs involved in blue color development of hydrangea


Allgemeine Instruktionen zur Versuchsdurchführung und Auflistung der Experimente (Download)






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