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Chemische Kinetik
- Geschwindigkeitsgesetze, Arrhenius-Gleichung, Experimente -


Peter Keusch, Universität Regensburg





English version




einstein "Jedermann hat Probleme -

aber Chemiker haben Lösungen"




Reaktion nullter Ordnung


Eine Reaktion nullter Ordnung liegt vor, wenn die Reaktionsgeschwindigkeit von der Konzentration der Reaktionspartner unabhängig ist. Die Reaktionsgeschwindigkeit ist konstant.

Das Geschwindigkeitsgesetz nullter Ordnung für die allgemeine Reaktion

                                                                                         

lautet:

Dies bedeutet, dass sich die Reaktionsgeschwindigkeit niemals ändert; sie entspricht stets der Geschwindigkeiskonstanten.

Nach Trennung der Variablen

und Integration beider Seiten der Gleichung  (2)


erhält man

Zu Beginn der Reaktion  (t  =  0)  ist die Konzentration des Reaktanten  [ A ] o.  Dementsprechend gilt für die Integrationskonstante  C  =  [ A ] o

Somit resultiert die integrierte Form des Geschwindigkeitsgesetzes:



Die Auftragung von  [ A ]  gegen  t  liefert eine Gerade mit der Steigung  -k.



Reaktion erster Ordnung


Für eine allgemeine unimolekulare Reaktion



in der  A  der Reaktant und  P  das Produkt darstellt, wird das Geschwindigkeitsgesetz für eine Reaktion erster Ordnung wie folgt formuliert:


Dies bedeutet, die Reaktionsgeschwindigkeit ist der Konzentration eines einzigen Reaktanten proportional.


Trennung der Variablen in Gleichung  (1)

und Integration der Gleichung  (2)

führt zu

Die Integrationskonstante  C  kann anhand der Integrationsgrenzen bestimmt werden. Zu Beginn der Reaktion  (t  =  0)  ist  [ A ] o  die Konzentration von  A.  Für  ln [ A ] o  ergibt sich:


Somit ist die Integrationskonstante

Das Geschwindigkeitsgesetz in integrierter Form lautet:

Eine Auftragung von  ln [ A ]  oder  ln [ A ] / [ A ] o   gegen die Zeit  t  ergibt eine Gerade mit der Steigung  -k.  Bei einer Reaktion erster Ordnung sollten die entsprechenden Messpunkte bis zu einem Reaktionsumsatz von  80 - 90 %  auf dieser Geraden liegen.

Gleichung  (7)  kann auch wie folgt formuliert werden:
Dies bedeutet, dass die Konzentration von  A  exponentiell mit der Zeit abnimmt.

Die Geschwindigkeitskonstante  k  läßt sich auch aus der Halbwertszeit   t 1 / 2  ermitteln. Unter der Halbwertszeit versteht man die Zeit, in der die Hälfte der ursprünglichen Konzentration des Reaktanten  A  verbraucht ist  ==>  [ A ]  =  1 / 2 [ A ] 0.

Es gilt entsprechend Gleichung  (7):

Somit ist die Halbwertszeit einer Reaktion erster Ordnung von der Anfangskonzentration des Reaktanten unabhängig.



Reaktion pseudo-erster Ordnung


Liegt bei der Umsetzung von  A  und  B



der Reaktant  A  im Überschuss vor, ändert sich dessen Konzentration während der Reaktion nur in geringem Maße. Die Konzentration bleibt nahezu konstant und ihr Einfluß auf die Reaktionsgeschwindigkeit kann mit Hilfe einer Proportionalitätskonstanten  k'  berücksichtigt werden:


Diese Darstellung ist die differentielle Form des Geschwindigkeitsgesetzes. Durch Integration und Bestimmung der Integrationskonstanten  C  ergibt sich die integrierte Form des Geschwindigkeitsgesetzes.

Durch Einsetzen von  c  =  [ B ]  in Gleichung  (1)  erhält man:

Integration der Gleichung  (2)  ergibt
Für die Konzentration von  B  zu Beginn der Reaktion  (t  =  0 )  wird  co  gesetzt. Es ergibt sich daraus die Integrationskonstante mit:
Folglich gilt:

Wird die Änderung der Konzentration von  B  fotometrisch verfolgt, so erfährt das  Lambert Beer'sche Gesetz  Berücksichtigung.


Die Kombination der Gleichung  (5)  mit dem  Lambert-Beer'schen Gesetz

E  =  Extinktion,  e  =  molarer, dekadischer Extinkionskoeffizient  [ L · mol -1 · cm -1 ]
c  =  Konzentration der absorbierenden Verbindung  [ mol · L -1 ],  d  =  Weglänge durch die Probe
Io  =  Intensität des einfallenden (eingestrahlten) Lichts,  I  =  Intensität des transmittierten Lichts


liefert die Beziehung zwischen  k'  und  lnE:

Eine Auftragung von lnE gegen die Zeit ergibt die Proportionalitätskonstante  k'.  Dividiert man  k'  durch die bekannte konstante Konzentration des im Überschuss vorliegenden Reaktanten, so erhält man die wahre Geschwindigkeitskonstante zweiter Ordnung  k:


Die Proportionalitätskonstante  k'  kann auch aus der Halbwertszeit   t 1 / 2  bestimmt werden.



Die Bestimmung der Geschwindigkeitskonstanten einer Reaktion zweiter Ordnung (siehe unten) kann mit einigen Problemen behaftet sein. Gegebenenfalls müssen die Konzentrationsänderungen der beiden Reaktanten gleichzeitig messend erfasst werden, was nicht selten einige Schwierigkeiten bereitet. Misst man nur die Änderung der Konzentration eines Reaktanten, so muß diejenige des zweiten Reaktanten als Differenz rechnerisch ermittelt werden - ein Verfahren, das wenig präzise ist. Eine Lösung der Problematik bietet die Durchführung einer Reaktion pseudo-erster Ordung, wobei nach gängiger Regel ein Reaktionspartner im mindestens 20-fachen stöchiometrischen Überschuss vorliegen sollte. Ein 50- oder 100-facher stöchiometrischer Überschuss ist vorzuziehen.



Reaktion zweiter Ordnung


Die Geschwindigkeit einer Reaktion zweiter Ordnung ist entweder dem Quadrat der Konzentration eines Reaktanten oder dem Produkt der Konzentrationen zweier Reaktanten proportional.

Für den allgemeinen Fall einer Reaktion zwischen  A  und  B



ist die Reaktionsgeschwindigkeit gegeben durch

1. Reaktanten mit gleichen Anfangskonzentrationen:

Haben die Reaktanten zu Beginn der Reaktion die gleiche Konzentration, kann Gleichung  (1)  wie folgt umgeschrieben werden:

Trennung der Variablen und Integration
ergeben

Für die Konzentration von  A  zu Beginn der Reaktion  (t  =  0 )  wird  [ A ] o  gesetzt. Die Integrationskonstante  C  hat folglich den Wert  1 / [ A ] o.

Somit ergibt sich die integrierte Form des Geschwindigkeitsgesetzes mit



Eine Auftragung von  1 / [ A ]  gegen die gegen die Zeit  t  ergibt eine Gerade mit der Steigung   k.  Bei einer Reaktion zweiter Ordnung (Konzentrationen der Reaktionspartner identisch) sollten die entsprechenden Messpunkte bis zu einem Reaktionsumsatz von  50 %  auf dieser Geraden liegen.


2. Reaktanten mit unterschiedlichen Anfangskonzentrationen:

Sofern  [ A ] o  and  [ B ] o  unterschiedlich sind, führt man zweckmäßig die Umsatzvariable  x  ein.

Beachtet man, dass   d[ A ] = - dx,  kann die allgemeine Geschwindigkeitsgleichung  (1)  wie folgt formuliert werden


wobei  [ A ] o  -  x  =  [ A ],   [ B ] o  -  x  =  [ B ]  und  x  die Abnahme von  A  bzw.  B  darstellt.

Um die linke Seite der Gleichung  (5)  zu integrieren, wird eine Partialbruchzerlegung vorgenommen


c'  und  c''  stellen zwei Konstanten dar  (6).  Bringt man die beiden Partialbrüche wieder auf einen gemeinsamen Nenner



so erhält man

Sofern  - x (c' + c'') = 0  gilt:

Aus obigen Gleichungen lassen sich die Faktoren  c'  und   c''  ermitteln:



Unter Berücksichtigung von c' und c'' ergibt Gleichung  (6)



Integration obigen Ausdrucks

ergibt

wobei  C  die Integrationskonstante darstellt.

Unter der Voraussetzung dass  x  =  0,  sofern  t  =  0,  wird der Wert für  C  erhalten



und Gleichung  (15)  wird zu


Eine Auftragung von


gegen t ergibt eine Gerade mit der Steigung  ([ A ] o  -  [ B ] o) · k.


Da äquivalente Mengen von  A  und  B  umgesetzt werden, kann man  [ A ]  durch die Konzentration von  B  ausdrücken:

Gestattet die angewandte Messmethode die unmittelbare Erfassung der Reaktanten-Konzentrationen (statt x), so sich ergibt für Gleichung  (17)




Unter der Voraussetzung dass die Anfangskonzentration von  A  doppelt so hoch ist als die Anfangskonzentration von  B  (siehe  Kinetische Gleichungen - Reaktion zweiter Ordnung  Download PDF-Datei) gilt:


wobei  xo  =  [ B ] o and  x  =  [ B ] .


Zusammenfassung


Reaktionsordnung

Differentielles Geschwindigkeitsgesetz

Integriertes Geschwindigkeitsgesetz
Linearer Plot
Steigung der Geraden
Einheiten der
Geschwindigkeitskonstante
0
- d [A]  /  dt  =  k
[ A ]  =  [ A ] o - kt
[ A ]  gegen   t
- k
mol · L -1 · s -1
1
- d [ A ]  /  dt  =  k [ A ]
[ A ]  =  [ A ] o · e - kt
ln [ A ]  gegen   t
- k
s -1
2
- d [ A ]  /  dt  =  k [A] 2
  1  /  [ A ]  =  1  /  [ A ] o  +  kt  
1  /  [ A ]  gegen  t
k
L · mol -1 · s -1




Arrhenius-Gleichung

Svante Arrhenius
Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Geschwindigkeit einer chemischen Reaktion im allgemeinen mit steigender Temperatur zunimmt. Die quantitative Beziehung zwischen Reaktionsgeschwindigkeit und Temperatur wird durch die Arrhenius-Gleichung beschrieben:

E a  =  Aktivierungsenergie
R  =  8.314 [ J · mol -1 · K -1 ]
T  =  absolute Temperatur in Grad Kelvin
A  =  präexponentieller Faktor oder Häufigkeitsfaktor
A  =  p · Z, wobei Z die Stoßzahl ist und p einen sterischen Faktor darstellt.
Z erweist sich als nur schwach abhängig von der Reaktionstemperatur.
Somit stellt der Häufigkeitsfaktor für die entsprechende Reaktion eine Konstante dar.



Effektive Zusammenstöße
Die Arrhenius-Gleichung basiert auf der Stoßtheorie, wonach die Reaktanten sowohl in der korrekten Orientierung als auch mit der nötigen kinetischen Energie zusammenstoßen müssen, damit sie in die Produkte umgewandelt werden.

Die beiden Animationen sind entnommen aus Effects of temperature, concentration, catalysts, inhibitors on reaction rates


Ineffektive Zusammenstöße


Logarithmiert man beide Seiten der Gleichung  (1),  so erhält man



Bestimmung von  E a Die Auftragung von  lnk  gegen  1 / T  liefert eine Gerade mit der allgemeinen Gleichung y  =  - mx + b, wobei

x  =  1 / T
y  =  lnk
m  =  - E a / R
b  =  lnA


Die Aktivierungsenergie E a lässt sich aus der Steigung m der Geraden ermitteln:  E a  =  - m · R

Die Aktivierungsenergie wird in Veröffentlichungen auf eine Kommastelle angegeben. Bei der Angabe der lnA - Werte sind 2 Dezimalen statthaft.

Um die Aktivierungsenergie möglichst exakt zu bestimmen sollte das entsprechende Experiment bei mindestens drei verschiedenen Reaktionstemperaturen durchgeführt werden. Die Temperaturintervalle sollten mindestens 5 °C betragen.


"Zweipunktegleichung"

Rein rechnerisch läßt sich die Aktivierungsenergie einer gegebenen Reaktion anhand der experimentellen Daten bestimmen, die man bei zwei verschiedenen Reaktionstemperaturen gewonnen hat.

Es gilt

bei T 1:
bei T 2:


Subtraktion der Gleichung  (4)  von Gleichung  (3)  führt zu



Unformen obiger Gleichung und Auflösen nach  E a  gibt



Hinweis:
Georg Schmeer Chemische Reaktionskinetik
Eyring-Gleichung




Experimente


Leitfähigkeitsmessung

Hydrolyse von Methylformiat
Ziele: Nachweis einer Reaktion erster Ordnung, Ermittlung der Geschwindigkeitskonstanten, Abhängigkeit der Reaktionsgeschwindigkeit von der Temperatur
Versuchsbeschreibung

Alkalische Hydrolyse von Ethylacetat
Ziele: Nachweis einer Reaktion zweiter Ordnung, Ermittlung der Geschwindigkeitskonstanten und der Aktivierungsparameter
Versuchsbeschreibung

Alkalische Hydrolyse von Estern
Ziel: Nachweis einer Reaktion zweiter Ordnung, Ermittlung der Geschwindigkeitskonstanten und der Aktivierungsparameter
Versuchsbeschreibung

Hydrolyse des tert. Butylchlorids
Ziel: Nachweis einer Reaktion erster Ordnung, Ermittlung der Geschwindigkeitskonstanten und der Aktivierungsparameter
Versuchsbeschreibung

Hydrolyse tertiärer Butylhalogenide
Ziel: Abhängigkeit der Reaktionsgeschwindigkeit von der Polarität des Lösungsmittels, Einfluß der nucleofugen Gruppe
Versuchsbeschreibung

Hydrolyse von Benzoylchlorid
Ziel: Nachweis einer Reaktion erster Ordnung, Ermittlung der Geschwindigkeitskonstanten und der Aktivierungsparameter
Versuchsbeschreibung

Spaltung von Harnstoff mit Urease
Ziele: Ermittlung des Temperaturoptimums, der Michaeliskonstanten KM und der maximalen Geschwindigkeit Vmax, Nachweis der kompetitiven Hemmung
.
Versuchsbeschreibung

Fotometrische Messung

Bromierung reaktiver Aromaten
Ziele: Nachweis einer Reaktion pseudo-nullter Ordnung, Ermittlung der Geschwindigkeitskonstanten und der Aktivierungsparameter
Versuchsbeschreibung

Entfärbung von Phenolphtalein in alkalischem Medium
Ziele: Nachweis einer Reaktion erster Ordnung - Bestimmung der Halbwertszeit und der Geschwindigkeitskonstanten
Versuchsbeschreibung

Entfärbung von Methylorange mit Zinn(II)-Chlorid
Ziele: Nachweis einer Reaktion pseudo-erster Ordnung, Ermittlung der Geschwindigkeitskonstanten und der Aktivierungsparameter
Versuchsbeschreibung

Entfärbung der Triphenylmethanfarbstoffe
Ziele: Nachweis einer Reaktion pseudo-erster Ordnung, Ermittlung der Geschwindigkeitskonstanten und der Aktivierungsparameter
Versuchsbeschreibung

Säurekatalysierte Iodierung von Aceton
Ziel: Nachweis einer Reaktion pseudo-nullter Ordnung
Versuchsbeschreibung

Säurekatalysierte Iodierung von Aceton
Ziel: Nachweis einer Reaktion pseudo-nullter Ordnung, Ermittlung der Geschwindigkeitskonstanten und der Aktivierungsparameter
Versuchsbeschreibung

Volumenmessung

Enzymatische Spaltung von Wasserstoffperoxid
Ziel: Abhängigkeit der Reaktionsgeschwindigkeit von der Temperatur und von der Enzym- bzw. Substratkonzentration, Nachweis einer Reaktion erster Ordnung
Versuchsbeschreibung

Katalytische Zersetzung von Wasserstoffperoxid
Ziel: Nachweis einer Reaktion erster Ordnung, Ermittlung der Geschwindigkeitskonstanten und der Aktivierungsparameter
Versuchsbeschreibung

Temperaturmessung

Zersetzung von Wasserstoffperoxid mit Kaliumdichromat
Ziel: Abhängigkeit der Reaktionsgeschwindigkeit von der Konzentration des Katalysators
Versuchsbeschreibung

Zersetzung von Wasserstoffperoxid mit Kaliumiodid
Ziel: Abhängigkeit der Reaktionsgeschwindigkeit von der Konzentration des Katalysators
Versuchsbeschreibung

Addition von Bisulfit an Ketone
Ziele: Nucleophile Addition an die Carbonylgruppe von Ketonen, Einfluss der Alkylgruppe, +I-Effekt, sterische Hinderung
Versuchsbeschreibung









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